Coopzeitung Porträt · Lifestyle
Die Namensdetektivin
Noah, Theodor oder doch lieber Matteo? Ist Mia, Lena oder Greta am schönsten? Die Namensfindung für das Baby ist für werdende Eltern eine Herausforderung. Wer keine zündende Idee hat oder sich nicht einig wird, kann sich an Andrea Horka wenden. Sie ist professionelle Babynamen-Finderin.
· Nr. 38, Seiten 76–79
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«Bereits als Teenager habe ich mich für Namen interessiert», erinnert sich Andrea Horka. «Wir Mädchen sprachen über potenzielle Babynamen, und ich führte in meinem Tagebuch eine entsprechende Liste.» Während ihres Studiums habe sie dann jeweils zusammen mit ihren WG-Gschpänli am Silvesterlauf in Zürich teilgenommen, wo auf den Startnummern die Vornamen stehen. «Weil wir uns über viele davon wunderten, gründeten wir den Chat ‹Doofe Kindernamen›.»
Inzwischen ist Andrea Horka 43 Jahre alt, studierte Geografin, ausgebildete Business-Analystin und hat einen zwei- sowie einen sechsjährigen Sohn. Deren Namen nennt sie im Gespräch, möchte sie jedoch nicht in der Zeitung lesen. So viel sei allerdings verraten: In der Schweizer Vornamen-Hitparade, die vom Bundesamt für Statistik herausgegeben wird, stehen sie weit unten oder tauchen überhaupt nicht auf. Die Spitzenreiter waren dort im Jahr 2024 Noah, Liam und Matteo bei den Buben sowie Emma, Mia und Sofia bei den Mädchen.
Recherchearbeit
Seit sie eine Familie gegründet hat, arbeitet Andrea Horka als Babynamen-Coach. Sie hilft also Paaren, einen Namen für ihr Kind zu finden. «Als ich schwanger war, entdeckte ich, dass es auf Youtube Namenskanäle gibt und wurde so auf den Beruf des Namens-Coaches aufmerksam.» Was im englischsprachigen oder asiatischen Raum gang und gäbe ist, hat hierzulande Exotenstatus inne. «Ich weiss von niemandem sonst, die oder der das in der Schweiz macht. Aber das wird sich bestimmt ändern.»
Eine Ausbildung dafür gibt es nicht, es braucht also ein Flair für Namen, Recherchierfähigkeiten, Fantasie und vor allem ein Gespür für die Eltern in spe. Was ist diesen wichtig? Welche Arten von Namen gefallen ihnen? Was geht für sie gar nicht? Welche sonstigen Kriterien muss der Name erfüllen? «Ich arbeite viel mit der Vornamensstatistik der Schweiz und schaue mir Babygalerien von Spitälern mit Geburtsabteilungen an. Meine Kundinnen und Kunden wollen ja keine Namen, die es überall gibt», verrät Andrea Horka. «Die Paare, die sich an mich wenden, wohnen meist in Deutschschweizer Städten und nur selten in ländlichen Gebieten.» Sie habe beobachtet, dass die Namensgebung in der Stadt anders funktioniere als auf dem Land. «Auf dem Land muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Deshalb werden Babys auch mal Matthias, Sandro oder Jasmin getauft», sagt sie. «In der Stadt dagegen leben viele binationale Paare, die sich internationale, eher exklusive Namen wünschen.»
Inspirationsquellen
Andrea Horkas Kundinnen und Kunden können eine personalisierte Namensliste bestellen, in der sie die Bedeutung der Namen erklärt und weshalb sie denkt, dass sie zur Familie passen. Das kostet 180 Franken. Für das Doppelte erstellt sie ein Namensvideo, in dem sie über ihre Namensvorschläge spricht. «Ich nenne meist zehn Namen, die den von den Eltern definierten Kriterien entsprechen, sowie zwei völlig andere Joker-Namen.» Bei der Auswahl spielen auch der Hintergrund und die Geschichte des Paares eine Rolle. Haben sich die werdenden Eltern vielleicht am Valentinstag kennengelernt? Dann käme für einen Buben möglicherweise Valentin infrage. Führte sie eine gemeinsame Reise nach Skandinavien? Warum also kein nordischer Name? Verbringt das Paar gerne Zeit in der Natur? Dann wären unter Umständen Sol, Luna oder Flora passend. «Florale und aus der Natur stammende Namen sind sehr im Trend», erklärt Andrea Horka. «Die Diversität der Vornamen ist wirklich gigantisch – sie sind zu einer Marke geworden.»
Ideen kommen ihr eigentlich überall. So kann es passieren, dass sie im Botanischen Garten Inspiration findet, den die Zürcherin mit ihren Kindern gerne besucht. Einer der Bäume dort ist zum Beispiel folgendermassen angeschrieben: Sommer-Linde, Tilia platyphyllos. «Das brachte mich dazu, einem Paar Tilia als Mädchenname vorzuschlagen.» Darüber hinaus fand dieser Eingang in Andrea Horkas Vornamensdatenbank.
Muss es denn wirklich immer etwas Spezielles oder sogar Exotisches sein? «Natürlich nicht», sagt sie. «Viele Klientinnen und Klienten scheuen sich aber, sich für einen Namen zu entscheiden, der in der jährlichen Hitparade erscheint.» Sie fürchten, dass ihr Kind dann gleich heisst wie zwei seiner späteren Klassengschpänli. Diese Angst ist jedoch unbegründet, findet Andrea Horka. Schliesslich kamen 2024 in der Schweiz 78 256 Babys zur Welt und nur 377 von ihnen wurden auf den damals beliebtesten Namen Emma getauft. Also rund ein Prozent der 2024 geborenen Mädchen. Ähnliches gilt für den Bubennamen-Spitzenreiter Noah, der 511 Mal zum Zug kam.

Stolpersteine
Welche Standards sind der Beraterin bei der Auswahl der Namen für ihre Klientinnen und Klienten wichtig? «Ich schlage nur solche vor, die dem Kind keinen Nachteil bringen.» Sie prüft daher, ob diese in einer anderen Sprache vielleicht eine unschöne Bedeutung haben und schaut auch, was sie rückwärts gelesen meinen. Anna zum Beispiel ist unverdächtig, ganz im Gegensatz zu Lana. «Ich empfehle werdenden Eltern ausserdem, sämtliche Vor- und den Nachnamen laut auszusprechen und dabei auf den Klang und den Flow zu achten. Auch sollte man schauen, ob die Kombination der Initialen ein Wort ergibt und welches.» Aus Liam Idris Egli etwa würde «LIE», was das englische Wort für Lüge ist und womit man seinem Kind keinen Gefallen täte.
Letztendlich aber ist die Namenswahl für ein Baby eine individuelle und vor allem persönliche Angelegenheit. Darum rät die Expertin, sich genau zu überlegen, ob und mit wem man seine Namensideen teilt. «Und wenn man es tut, dann am besten mit Menschen aus derselben Generation. Denn Personen, die einer anderen Generation angehören, haben meist andere Vorstellungen als die Mutter und der Vater des Ungeborenen», sagt sie. «Ein negativer Kommentar von jemandem könnte einem den für das Baby ausgewählten Vornamen vermiesen.»
Ob eine ihrer Empfehlungen wirklich zum Zug kommt, erfährt die Babynamen-Beraterin nur selten. «Die Leute sind nach der Geburt natürlich mit anderen Dingen beschäftigt.» Manchmal aber kommt doch ein Feedback. «Daaanke! Wir waren komplett ‹stuck› in der Namenssuche und du hast uns so viel neue Inspiration gegeben! Dank dir heisst unser Sohn nun Rio», schrieben ihr etwa die frischgebackenen Eltern Sira und Colin.
Diesem Paar konnte Andrea Horka aus einer verfahrenen Situation heraushelfen. Genauso sieht sie ihre Aufgabe. «Denn ich finde es schade, wenn ein Elternteil nachgeben muss, nur weil man keinen Namen findet, der beiden gleich gut gefällt. Schliesslich ist die Namensvielfalt so gross.»
Und wie war das bei Andrea Horka selbst – haben sie und ihr Mann Hilfe bei der Namensfindung für die beiden Söhne gebraucht? «Nein, das war relativ einfach, denn wir haben einen ähnlichen Geschmack.»
Andrea Horka findet man über www.babynamenconsulting.ch sowie unter @babynamenconsulting auf Instagram und Youtube.
